Angehörigen-Support in der Spitex

Margrit Roder, Pflegefachfrau in der Spitex AareBielersee, berät pflegende Angehörige. Sie führt zudem in den Teams Weiterbildungen durch, um das Pflegepersonal im eigenen Umgang mit Angehörigen zu unterstützen. Wenn Situationen mit Angehörigen schwierig werden, kann die Fachfrau beigezogen werden. Sie entlastet und erleichtert dadurch die tägliche Arbeit der Pflegefachpersonen. Die Pflege zu Hause kann, dem Wunsch vieler Menschen entsprechend, länger aufrechterhalten werden, wenn die Angehörigen im Rahmen eines geeigneten Supports gelernt haben, auch sich selber Sorge zu tragen.

 

Wie sieht Ihre Aufgabe im Bereich Angehörigen- und Freiwilligen-Support aus?
Margrit Roder: Ich bin in der Gesamtorganisation Spitex AareBielersee verantwortlich für die Beratung von pflegenden Angehörigen, die von den Mitarbeitenden auf die Dienstleistung aufmerksam gemacht wurden. Im vergangenen Jahr waren dies ca. 15 telefonische Beratungen und 8 Beratungen im direkten Gespräch. Ich konnte bei den einzelnen Spitex-Teams Schulungen machen zur Angehörigen-Beratung, z.B. zur Bedeutung des neuen Erwachsenenschutzgesetzes. Im vergangenen Jahr konnte ich zweimal Mitarbeitende der Spitex in Bezug auf schwierige Pflegesituationen mit Angehörigen und deren persönlicher Lebenssituation beraten.

Im Stützpunkt Safnern berate ich die pflegenden Angehörigen im Rahmen meiner täglichen Pflegeeinsätze, ebenso die Mitarbeiterinnen des Pflegeteams. Seit Januar 2012 habe ich eine spezielle Stellenbeschreibung «Angehörigen-Support in der Spitex-AareBielersee». Der Angehörigen-Support beträgt ca. 5-10% bei einer vertraglichen Anstellung von insgesamt 50%.  Ab Februar 2013 werde ich zu 20% als Vertretung der Stützpunktleitung und 30% in der Pflege tätig sein. Dazu kommen noch die Angehörigen-Beratungen mit flexiblem Pensum je nach Bedarf.

Welches Interesse hat die Spitex, diese Aufgaben durch eine Person mit spezifischer Weiterbildung in Angehörigen- und Freiwilligen-Support ausführen zu lassen?
Die Spitex AareBielersee ist an der Dienstleistung interessiert und fördert diese auch soweit als möglich. So werden Räume für Kurse zur Verfügung gestellt und benötigte Unterlagen können kopiert werden. Die Spitex übernimmt auch die Werbekosten. Die ersten drei Beratungsstunden sind für die Angehörigen kostenlos und werden über den Spitex-Fonds abgerechnet, ebenfalls alle weiteren anfallenden Kosten (Wegzeit, Administrationsarbeiten usw.).

Es ist aber so, dass meine Einsätze in der Pflege und bei der Stellvertretung der Stützpunktleitung Priorität haben und ich die Einsätze für den Angehörigen-Support dementsprechend einplanen muss. Das verlangt eine grössere Präsenz und Flexibilität von mir. Es ist ein Gespräch mit der Geschäftsleiterin geplant, in dem diese Thematik aufgegriffen wird. Ebenfalls soll besprochen werden, ob pflegende Angehörige in aufwändigen Pflegesituationen regelmässig besucht werden können. Das könnte bedeuten, dass meine Stellenprozente in der Pflege reduziert und im Angehörigen-Support erhöht werden müssten.

Die Dienstleistung hängt sehr stark von meinem eigenen Engagement ab. In der Spitex mussten in den vergangenen Jahren viele Veränderungen und Herausforderungen bewältigt werden. Deshalb konnte der Angehörigen-Support nur am Rande auf- und ausgebaut werden. Besuche von Ärzten und anderen Institutionen, die eigentlich wichtig wären, konnten aufgrund von Zeitmangel nicht durchgeführt werden.

Ich nehme an, dass die Spitex nicht speziell eine Person mit diesem Fachwissen gesucht und eingestellt hätte. Klientenbezogene Dienstleistungen wie Palliativ-Care oder Wundspezialisten haben die grössere Priorität. Die Geschäftsleitung ist aber froh, dass diese zusätzliche Dienstleistung durch mich angeboten wird. Das bedeutet aber, dass jegliche Initiative von mir kommen muss. Im Moment ist noch keine Stellvertretung für mich eingeplant.
 
Welche besonderen Entwicklungschancen im Bereich Angehörigen- und Freiwilligen-Support haben sich in den vergangenen Jahren seit Beginn Ihrer Ausbildung ergeben?
Verschiedene Angehörige konnten mit der Unterstützung des Angehörigen-Supports ihre Familienmitglieder bis zum Tod zu Hause zu pflegen. Konflikte zwischen Angehörigen und Pflegepersonal konnten gelöst und weitere Konflikte vermieden werden. Angehörige haben erkannt, dass sie das erkrankte Familienmitglied nur so lange zu Hause pflegen konnten, wie sie auch Sorge zu sich selber trugen. Sie waren bereit, vorgeschlagene Entlastungen anzunehmen und sich selber Auszeiten zu gönnen (tägliche, wöchentliche und Ferien). Das Verständnis für Familienmitglieder mit Demenzerkrankung konnte gefördert werden, so dass sich spannungsgeladene Situationen verbesserten. Angehörige, aber auch erkrankte Personen, entwickelten ein grösseres Verständnis füreinander.

Zudem entstand im Team entstand ein neues, anderes Verständnis für die pflegenden Angehörigen. Durch die entgegengebrachte Wertschätzung waren die Angehörigen eher bereit, Hilfe von der Spitex oder andere Entlastung anzunehmen.

Ich selber geniesse ein grosses Vertrauen im Team der Spitex – von den Vorgesetzten, aber auch von den Mitarbeitenden – dadurch wurde ich für verschiedene neue Aufgaben angefragt (Stellvertretung Stützpunktleitung, Weiterbildung Personal). Ich konnte selbständig eine ganz neue Dienstleistung aufbauen und gestalten. Das bedeutet Pionierarbeit, Spuren hinterlassen können, etwas erschaffen können, Verantwortung tragen. Es gab wertvolle Begegnungen mit den verschiedensten Menschen. Mein Selbstvertrauen ist gewachsen, ebenso das Bewusstsein, dass ich einen gut gefüllten Rucksack für Begleitungen und Beratungen in mir habe.

Welche besondere Bedeutung hat der Besuch des DAS Angehörigen- und Freiwilligen-Support für Sie?
Nach den «Erziehungsjahren» konnte ich eine ganz neue Tätigkeit aufbauen und damit einen Traum verwirklichen. Meine verschiedenen Fähigkeiten, Ausbildungen und Erfahrungen aus früheren Tätigkeiten (KV, Krankenpflege, Familienarbeit, Erwachsenenbildung) konnte ich zusammenbringen in einer neuen Aufgabe und habe damit ein Berufsfeld gefunden, das ich weiter entwickeln und in dem ich noch viele Jahre tätig sein kann.

Ich habe Zugang gefunden zu hilfreichen Weiterbildungen der Fachhochschule und dabei viele persönliche Entwicklungsschritte tun können, z.B. grössere Sicherheit im Auftreten, zu meinen Stärken und Schwächen stehen, mich mit dem eigenen Älterwerden auseinandersetzen, mit den eigenen pflegebedürftigen Angehörigen einen guten Weg finden, an die eigenen Ressourcen und an diejenigen der anderen Menschen glauben.
Durch das DAS-Studium sind auch wertvolle Freundschaften entstanden. Nicht zuletzt hat mein früher «gefühltes» Menschenbild durch das Studium einen Hintergrund, ein theoretisches Fundament bekommen (Logotherapie, systemischer Ansatz usw.).