Angehörigen-Support in der Psychiatrie

Beat Steiner arbeitet als Sozialarbeiter in einer stationären gerontopsychiatrischen Abteilung der psychiatrischen Dienste Thurgau. Während anderswo der Fokus auf Angehörige eher einer neueren Gewichtung entspricht, bildete er in der Gerontopsychiatrie immer schon einen wesentlichen Bestandteil des Auftrags. Im Rahmen eines Projektauftrags werden zurzeit die bestehenden Angebots- und Zusammenarbeitsformen mit Angehörigen von stationären Patientinnen und Patienten der Gerontopsychiatrie überprüft.

 

Wie sieht Ihre Aufgabe im Bereich Angehörigen- und Freiwilligen-Support aus?
Beat Steiner: Primär findet Angehörigen-Support im Rahmen meiner 70%-Tätigkeit als Sozialarbeiter in der stationären Gerontopsychiatrie statt. Aufgrund von Erstgesprächen mit den Patientinnen und Patienten nach Eintritt analysieren wir in interdisziplinären Behandlungsteams die Aufnahmesituation und was die möglichen Problemlagen des Patienten im Vorfeld des Eintrittes und in seinem sozialen Umfeld waren. Oft sind Angehörige beim Eintritt des Patienten zugegen und können erste Hinweise geben. Insbesondere versuchen wir zu erkennen, wie es um die Belastungssituation der Angehörigen steht. Vielfach hole ich vom Patienten die Erlaubnis ein, mit dessen Angehörigen in Kontakt treten zu dürfen, wo sich dann oftmals ein etwas anderes Bild ergibt, als es die Sicht des Patienten ist.

Ich berate Angehörige zum Teil am Telefon, weit mehr kommt es jedoch zu Familiengesprächen in der Klinik, welche mit dem Patienten zusammen geführt werden. Je nach Situation berate ich Angehörige zu finanziellen Fragen wie Ergänzungsleistungen, Vorgehen und Abläufe bei Platzierungen in Alters- und Pflegeheimen und deren Finanzierung, informiere über Entlastungsdienste und ambulante aufsuchende Dienste, frage die Belastungssituation ab. Nach Austritt dürfen mich Angehörige in Einzelfällen auch telefonisch weiter kontaktieren. Grundsätzlich wird in unserer Behandlung der Patientinnen und Patienten von einer systemischen Betrachtungsweise ausgegangen und so stehen Angehörige automatisch immer auf dem Radar!

Zurzeit habe ich im Rahmen einer 20%-Stelle ein Miniprojekt in Arbeit, in welchem von allen angeschlossenen Stationen der stationären Gerontopsychiatrie sowie von ambulanten Schnittstellen das Ist-Angebot an Angehörigenarbeit sowie Art und Form von geleisteter Angehörigenarbeit erhoben wird. Die Ergebnisse werden in die Weiterentwicklung der Gerontopsychiatrie einfliessen.

Welches Interesse hat die Alterspsychiatrie Münsterlingen, Angehörigen-Support zu fördern und die Aufgabe durch eine kompetente Fachperson ausführen zu lassen?
Wir haben in unserer Memoryklinik (ambulantes Tagesangebot für Menschen mit Demenzerkrankung) seit zehn Jahren ein äusserst aktives und innovatives, auf die spezifischen Fragestellungen von Angehörigen geschultes Team. Hier wird vorbildliche Arbeit geleistet und der Bedarf für Angehörigenschulung usw. kann nicht der Nachfrage entsprechend abgedeckt werden.

Das Interesse an Angehörigen-Support seitens der Leitungspersonen ist da. Es geht darum, besonders auch auf den anderen Stationen gewisse Standards einzuführen. Dabei ist zu beachten, dass die verschiedenen Teams je ihre eigenen Kulturen haben und dass eine übergeordnete Organisation von Angehörigen-Support sorgsam angegangen werden muss.
Zu erwähnen ist noch, dass die Psychiatrische Klinik Münsterlingen seit 2011 ein Abklärungs- und Aufnahme-Zentrum als Pilotprojekt führt, wo unter anderem ein eigenes Angebot für Angehörige eingerichtet wurde. Dort können sich die Angehörigen telefonisch Beratung holen oder zu Gesprächen anreisen.

Welche besonderen Entwicklungschancen im Bereich Angehörigen-Support haben sich in den vergangenen Jahren seit Beginn Ihrer Ausbildung ergeben?
Die Angehörigen sind bereits eine gut wahrgenommene «Grösse» in der Psychiatrie. Standards auf Stufe Leitbild und im Handlungsalltag der verschiedenen Stationen gibt es aber bis dato nicht. Das Pilotprojekt stellt ein Neuangebot dar.
 
Welche besondere Bedeutung hat der Besuch des DAS Angehörigen- und Freiwilligen-Support für Sie?

Da mir die leitende Pflegedirektorin schon zu Beginn des Studiengangs bei einer informellen Gelegenheit gesagt hatte, dass sie mir diese Weiterbildung nie bewilligt hätte, konnte ich nicht auf Goodwill zählen. Jedoch – längst bevor ich den DAS als Weiterbildung bei meinen direkten Vorgesetzten angefragt habe – wusste ich aufgrund des Beschriebs des Pilotstudienganges, dass dieser mir persönlich ganz sicher viel bringen wird. Im Berufsalltag spüren dies auch das Team, die Patienten und die Angehörigen!